Sozialcourage - Chamäleon in Not

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Chamäleon in Not

In Iserlohn gibt es eine Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien- doch Ende des Jahres läuft die Förderung durch die Aktion Mensch aus 

"Ich bin gerne hier, weil ich Ruhe vor Zuhause kriege", steht in krakeligen Buchstaben auf dem weißen Plakat, geschrieben von Kinderhand. So wie auch dieser Satz: "Die Kinder können hier ihre tiefsten Gefühle und Geheimnisse loswerden." Die Kinder -das sind zehn, acht- bis 14- Jährige. Sie verbindet ihre Herkunft: Alle kommen aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil alkoholabhängig ist. Seit zweieinhalb Jahren wissen sie, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht allein sind. Sie treffen sich in einer besonderen Gruppe der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes Iserlohn. Die Gruppe hat sich den Namen "Chamäleon" gegeben.

Doch steht Chamäleon vor einer ungewissen Zukunft. Chamäleon braucht Geld, Unterstützer, Fürsprecher. Dabei gewinnt die Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien zunehmend an Bedeutung. Schlichte Sätze wie "Weil man auch mal von Zuhause weg kann", belegen die Nöte, in denen sich die Kinder befinden. Und wie wichtig Chamäleon für sie ist. Doch die auf drei Jahre begrenzte Förderung der Aktion Mensch läuft zum Ende des Jahres aus. Und da die Gruppe ausschließlich durch Spenden finanziert wird, weiß keiner, was kommt. Die Kinder wünschen sich nichts dringlicher, als dass Chamäleon ihnen erhalten bleibt: "Weil es mir hilft, weil immer einer da ist."

Ungewisse Zukunft für Chamäleon: Uta van Holten, Nella Giordano-Lomp, Hildegard Raabe und Elke Huth (von links) hoffen, dass sich Unterstützer finden.
Ungewisse Zukunft für Chamäleon: Uta van Holten, Nella Giordano-Lomp, Hildegard Raabe und Elke Huth (von links) hoffen, dass sich Unterstützer finden.
Foto: Lanwehr

Uta van Holten, Mitarbeiterin in der Suchtberatung, hat den Aufbau der Gruppe begleitet, weiß von den anfänglichen Schwierigkeiten. "Indem die Kinder hierher kommen, wird das Alkohol- Problem öffentlich." Und gerade das vermeiden viele Familien. Darunter aber leiden die Kinder, die mit der schwierigen familiären Situation allein gelassen werden und mit niemandem darüber reden dürfen. "Ich kann Geheimnisse erzählen", sagt ein Kind. Daher gibt es Chamäleon. Dass der Bedarf solcher Gruppen noch viel größer ist, belegen die Zahlen. In Deutschland haben 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche mindestens einen alkoholkranken Elternteil. Im Bereich Iserlohn sind rund 6500 Kinder betroffen.

Nella Giordano- Lomp und Elke Huth leiten Chamäleon. Jeden Freitag treffen sie sich in den Räumen der Beratungsstelle. Es gibt feste Gruppenregeln und im Laufe der Zeit haben die Leiterinnen festgestellt, dass sich das Verhalten der Kinder miteinander verändert hat. Aus aggressiven Egoisten wurden verständnisvolle Freunde. "Sie hören einander zu. Geben untereinander Tipps, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten kann", sagt Ergotherapeutin Nella Giordano-Lomp. Das bestätigen die Aussagen der Kinder "Hier kann man über die Sorgen sprechen." Hier- und nicht Zuhause.


Gemeinsame Aktionen wie Basteln und Werken, Kochen, Malen oder Ausflüge sind nur möglich dank der Unterstützung der Aktion Mensch sowie weiterer Spenden. Die Arbeit mit den Kindern hat auch vorbeugenden Charakter. Immer wieder geht es um das Thema Alkoholismus, wird den Kindern vermittelt, dass die Sucht der Eltern eine Krankheit ist und nicht die Kinder Schuld daran tragen. So lernen sie sich zu schützen: Kinder aus suchtbelasteten Familie haben ein bis zu sechs mal höheres Risiko, später selber suchtkrank zu werden. So kommt dem Projekt eine Nachhaltigkeit zu, die wiederum Kinder am besten ausdrücken können. "Ich fühle mich hier wohl, weil ich weiß, dass die anderen Kinder dasselbe oder ähnliche Probleme haben".

Christine Lanwehr

 

Kontakt:

Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes Iserlohn: 02371/818670.