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"Wir machen Musik und freuen uns dabei!"

Die Bedeutung von musiktherapeutischen Maßnahmen wird oft unterschätzt und selten finanziert

Foto: Robert Boecker

"Zwei, drei, vier, fünf und los", etwas unkonventionell gibt Ernst D. den Takt vor. Aber es funktioniert, auf sein Zeichen hin und unter Leitung von Sozialarbeiter und Musiktherapeut Björn Weidmann beginnen seine neun Mitbewohner gleichzeitig einen Boogie-Woogie zu spielen. Alle swingenden Bandmitglieder sind geistig behindert und leben in einer der vier stationären Einrichtungen des Caritasverbandes für den Rhein-Sieg-Kreis. Bis letzte Woche wusste kaum jemand von ihnen, wie das Instrument, das sie jetzt in Händen halten, heißt. Jetzt, nach nur drei Tagen, haben sie bereits zwei Instrumentalstücke eingeübt.

Enthusiastisch steht die 47-jährige Annemie B. hinter der großen Trommel. Leidenschaftlich und doch hoch konzentriert in ihrem Tun weiß sie sich für den Rhythmus verantwortlich. Monika W. und Kristine M. sind anscheinend unzertrennlich. Die sanften Töne des Xylophons-  das passt zu den beiden jungen Frauen mit Downsyndrom. "Wir versuchen für jeden Teilnehmer zu Beginn ein geeignetes Instrument zu finden", berichtet Weidmann vom Institut "Lebensimpuls" für Musiktherapie in Kürten. Erstaunlich sei es für ihn, wie schnell sich anfängliche Ängste einiger Menschen mit Behinderung im Laufe des Projektes auflösen.


Selbstwertgefühl tanken!

In zwei Gruppen mit jeweils zehn Teilnehmern wurde die freizeitmusiktherapeutische Maßnahme im Haus Hildegard, einem Wohnheim für ältere Menschen mit geistiger Behinderung in Niederkassel, durchgeführt. "Unsere Bewohnerinnen und Bewohner tanken hier Selbstwertgefühl", begründet Dr. Helene Müller- Speer, Leiterin des Hauses, die pädagogische Maßnahme. Sie können hier ihre persönlichen Talente und Fähigkeiten entdecken und entfalten. Das gemeinschaftliche Musizieren vermittle ganz besondere Erfolgserlebnisse. "Es ist tatsächlich so", ergänzt Heilpädagogin und Musiktherapeutin Corinna Schulz, "dass bereits nach wenigen Einheiten eine deutliche Veränderung spürbar ist. Bewohner, die sonst eher in sich gekehrt sind, öffnen sich, werden aktiv und sind voll konzentriert bei der Sache."

Zu Beginn des Projektes war es noch eine Herausforderung, mit allen Teilnehmern um zehn Uhr anfangen zu können. Aber bereits am zweiten Tag wurden die Musiktherapeuten schon eine halbe Stunde vor Beginn mit Spannung erwartet. Geprobt wurde zweimal am Tag für jeweils zwei Stunden. Gestalterische Übungen brachten Abwechslung in das Projekt: Die Teilnehmer malten zur Musik und stellten Rasseln her.

Es macht den 40- bis 80- Jährigen augenscheinlich Spaß, obwohl eine solche Woche auch mit großer Anstrengung und viel Mühe verbunden ist. Aber gerade dieses intensive Arbeiten über einen definierten Zeitraum bewirke bei den Menschen mit Behinderung, dass sie nicht nur mental ausgeglichener sind, sondern sich zunehmend körperlich besser fühlen. "Das hängt auch damit zusammen, dass das Singen die richtige Atmung stimuliert und trainiert", weiß Corinna Schulz. Musik habe die schöne Eigenschaft, dass sie den Körper in Schwingungen versetze. Und es ist tatsächlich so, dass man den behinderten Teilnehmern die Freude ansieht.

Geld für Musik?

"Man spürt, wie unsere Bewohnerinnen und Bewohner den Alltag loslassen. Ich werde von ganz neuen Ausdrucksmöglichkeiten überrascht. Vor allem, wenn man mit der sprachlichen Kommunikation an Grenzen stößt, hilft die Musik oft weiter", erzählt rückblickend auch Helene Müller- Speer. Leider werde ein solch wichtiges Angebot von den Kostenträgern nicht finanziert. Für Christian Schumacher, Leiter der Abteilung Behindertenhilfe im Diözesan- Caritasverband, und dem Geschäftsführer der Caritas-Stiftung, Heinz Kröly, ist dies sehr bedauerlich.

Er ist von der Wirkung einer solchen Maßnahme überzeugt und würde sich wünschen, dass für solche Zwecke mehr Geld bereitgestellt werde. "Schade, dass dies derzeit nicht der Fall ist", meint Schumacher, aber gerade auch deshalb habe sich das Kuratorium der Caritas-Stiftung Heinz Kröly im Erzbistum Köln entschlossen, das freizeitmusiktherapeutische Projekt in Haus Hildegard zu finanzieren. Und das Geld sei gut angelegt, weil es den Menschen mit geistiger und zum Teil auch körperlicher Behinderung unmittelbar zugutekomme.

Alfred Hovestädt

 
Monika W. und Kristine M. mögen zwar eher die leisen Töne, der energischen Taktvorgabe von Erich D. können aber auch sie sich nicht entziehen
Monika W. und Kristine M. mögen zwar eher die leisen Töne, der energischen Taktvorgabe von Erich D. können aber auch sie sich nicht entziehen
Foto: Robert Boecker
 


Stiftung

Chancen für Menschen mit Behinderung

"Behinderten Menschen die gleichen Chancen zu bieten wie nichtbehinderten Menschen", das war der Wunsch des Kölners Heinz Kröly. In seinem Testament verfügte er deshalb, seinen Nachlass für Menschen mit Behinderung einzusetzen. Die Caritas- Stiftung Heinz Kröly ist heute eine von vielen treuhänderisch verwalteten Stiftungen unter dem Dach der CaritasStiftung im Erzbistum Köln. Seit mittlerweile mehr als zehn Jahren fördert die Stiftung caritative Projekte und Initiativen der Behindertenhilfe im Erzbistum Köln. Das musiktherapeutische Projekt im Haus Hildegard ist eines von insgesamt 138 Projekten, die bis heute unterstützt wurden. Mehr als 750000 Euro wurde über die Stiftung für Menschen mit Behinderung bereitgestellt.