Sozialcourage - Das Magazin für soziales Handeln - Unvergessliche Umarmung

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Passau
Editorial
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Unvergessliche Umarmung

Unvergessliche Umarmung

Schritt für Schritt in die Freiheit

Foto: privat

Scherzad Mahmud Asaad, 33, stammt aus Kirkuk, dem autonomen kurdischen Gebiet. Als er aus dem Irak floh, war Saddam Hussein noch an der Macht. Scherzad kam im Oktober 2002 nach Deutschland. Was er erlebt hat und wie es ihm heute geht, wollen wir ihn selbst erzählen lassen:

"Meine erste Station war München. In der Erstaufnahme-Einrichtung wurde ich mit allem versorgt, was ich brauchte: Unterkunft, Essen, Taschengeld und medizinische Versorgung. Ich war sehr überrascht, dass man sich so sehr um mich und die anderen Irakflüchtlinge kümmerte. Zwei Wochen später wurde mein Antrag auf Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt. Vier Monate blieb ich im Asylheim im Münchner Stadtzentrum, so richtig mittendrin.

Dann wurde ich in das Asylheim Grubmühle im Landkreis Freyung-Grafenau verlegt, Asylbewerber haben ja kein Aufenthaltsbestimmungsrecht. Das war eine ganz andere Welt: Wir waren völlig isoliert und abgeschnitten. Nach einigen Monaten musste ich nach &bdquoDreieck" im Landkreis Regen umziehen. Das war eine ganz schlimme Erfahrung: Die Asylanten sind weggesperrt, dürfen nichts tun, nicht arbeiten, nicht lernen, den Landkreis nicht verlassen. Wir waren nicht frei."


Zum Nichtstun gezwungen

Erst durch die Sozialarbeit im Bauhof Zwiesel konnte Scherzad wieder Kontakt zu Deutschen aufnehmen. "Doch dann kam die Dunkelheit." So nennt Scherzad den langen, strengen Winter im Bayerischen Wald. "Der Winter bedeutete für mich wieder Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Langeweile, weil es nichts zu tun gab. Sogar das Schneeräumen besorgte eine Maschine. Ich fühlte mich wie eine Kuh im Stall, in der Dunkelheit zum Nichtstun gezwungen. Der einzige Lichtblick war das Fernsehen, es war der Kontakt zur Außenwelt. Im Asylheim selbst waren kaum noch Leute anwesend.

Das Schlimmste war, dass Ende 2004 meine Ehe zerbrach. Ich fühlte mich von allen und allem betrogen und dem Zusammenbruch nahe. Nachts weinte ich mich in den Schlaf. Der einzige Lichtblick in dieser Zeit war Franz Kronschnabl, der Hausmeister des Asylheims, der immer wieder nach mir gesehen hat.

Endlich wurde mir klar, dass ich etwas an meinem Leben ändern und selbst tätig werden musste. Ich musste wieder unter die Menschen zurück, Deutsch lernen. Und wenn mir von staatlicher Seite die Chance, einen Kurs zu besuchen, verwehrt wurde, dann musste ich eben alleine lernen.

Im Frühjahr wurde es besser. Ich kaufte mir ein gebrauchtes Moped, das Geld hatte ich mir von der "Sozialarbeit" gespart. Damit konnte ich nach Regen und Zwiesel fahren. Mein erster Schritt zur Integration war, alte Menschen anzusprechen und mich mit ihnen zu unterhalten. Junge Leute kamen mir weniger offen vor, ich hatte den Eindruck, dass sie mit Ausländern nichts zu tun haben wollen. Aber die alten Menschen, die hatten Zeit für mich, denn sie waren so wie ich: einsam.

Die Wende in meinem Leben verdanke ich der Bekanntschaft mit dem Ehepaar Annemarie und Wolfgang Januschek aus Regen. Sie sind meine geistigen Eltern, die Freundschaft besteht bis heute, auch mit Eva und Ernst Litzenberger aus Regen."

Für Scherzad ist diese Freundschaft ein unbezahlbares Geschenk. Die beiden Ehepaare bringen ihm die deutsche Kultur und Mentalität nahe, mit ihnen und durch sie lernt er die Sprache. Durch sie erweitert er nicht nur den Horizont, sondern auch seinen Bekanntenkreis. "Unvergesslich ist für mich eine Geste von Wolfgang Januschek: Bei einem Besuch nahm er mich in die Arme und drückte mich ganz fest. Das war für mich wie ein Wunder. Endlich fühlte ich mich angenommen."

Anfang Februar 2006 muss Scherzad noch einmal umziehen, nach Plattling. "Dort war die gesamte Situation erheblich besser, das Heim liegt mitten in der Stadt. Alles ist erreichbar, die Isolation hatte ein Ende."

Endlich anerkannt

Nach fünf Jahren der Unsicherheit und Wartezeit wird Scherzad 2007 endlich als Flüchtling anerkannt. Das bedeutet Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. "Zwei Jahre lang habe ich als ungelernte Kraft in den verschiedensten Berufen gearbeitet. Dann habe ich erkannt, dass ich eine fundierte Ausbildung brauche, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Ich wollte Altenpfleger werden."

Wieder hat Scherzad das Glück, dass ihm das Ehepaar Dannecker zur Seite steht und die Wege ebnet. Auch privat scheint ihm wieder die Sonne. Mit Hilfe von Freundin Mirjam schafft er in nur zwei Wochen den Hauptschulabschluss. "Seit September dieses Jahres habe ich eine Ausbildungsstelle zum Altenpfleger im Caritas-Altenheim Regen. Alte Menschen haben mir meine Lebensfreude zurückgegeben, als ich ganz unten war. Vielleicht kann ich ihnen jetzt etwas davon zurückgeben.

Blicke ich auf die vergangenen Jahre zurück, kommt es mir vor, als hätte ich fünf Jahre meines Lebens verschenkt. Das Asylverfahren hat mich sehr viel Kraft gekostet. Wenn ich etwas zu sagen hätte und ändern könnte, dann wäre es das: Die Asylheime abschaffen, denn durch Abschirmung kann Integration nicht stattfinden."