Sozialcourage - Das Magazin für soziales Handeln - Integration Schritt um Schritt: Mit hoher Motivation, Begeisterung und Sorgfalt bei der Arbeit

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Berlin
Editorial
Integration Schritt um Schritt: Mit hoher Motivation, Begeisterung und Sorgfalt bei der Arbeit
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Integration Schritt um Schritt

Mit hoher Motivation, Begeisterung und Sorgfalt bei der Arbeit

In der Werkstatt werden defekte Anlasser und Lichtmaschinen zerlegt
In der Werkstatt werden defekte Anlasser und Lichtmaschinen zerlegt
Foto: Olaf Nils Dube

Oranienburg - die Kooperation zwischen der Firma M. Friesen und der Caritas-Werkstatt St. Johannesberg in Oranienburg gedeiht. Mittlerweile arbeiten ein Dutzend Beschäftigte der Werkstatt direkt im Werk. Und die Perspektiven sind gut, denn weitere Aufgabenfelder für die Caritas-Werkstatt sollen folgen.
"Am Anfang war das schon schwierig, die verschiedenen Anlasser auseinanderzuhalten", erzählt Frank Schmidt (30). "Das sind immerhin mehrere Dutzend unterschiedliche Sorten." Übereinander gestapelt liegen in großen Metallkörben die einzelnen Bauteile. Eine ganze Halle voll mit hohen Regalen, gefüllt mit gebrauchten Anlassern und Lichtmaschinen. Äußerlich sind sie oftmals nur mit geübtem Auge oder an der winzigen Seriennummer zu unterscheiden. Seit gut zwei Jahren arbeitet Frank Schmidt im Altteillager der Firma M. Friesen im Oranienburger Gewerbegebiet Nord. Die verschiedenen Bautypen erkennt er oft mit bloßem Auge.


Frank Schmidt gehört zu den mitunter bis zu zwölf Arbeitskräften, die als Beschäftigte der Caritas-Werkstatt St. Johannesberg direkt im Werk der Firma M. Friesen eingesetzt sind. Rund acht Jahre besteht die Kooperation zwischen dem Austauschspezialisten für Starter und Generatoren und der Caritas-Behindertenwerkstatt in Oranienburg. Die Mitarbeiter der Werkstatt zerlegen defekte Lichtmaschinen und Anlasser. Die wertvollen Komponenten werden später wieder zu funktionstüchtigen Baugruppen montiert.

Zerlegen von Anlassern
Im Lager
Foto: Olaf Nils Dube

Bis Ende letzten Jahres mussten hierfür alle Teile quer durch Oranienburg vom Gewerbegebiet bis zum Hauptstandort der Caritas transportiert werden. "Das war natürlich extrem kosten- und zeitaufwändig", berichtet Christoph Lau, der die Werkstatt in Oranienburg leitet. "Lange suchten wir nach einer besseren Lösung. Nicht zuletzt vom Kooperationspartner kam der Wunsch, für eine flexiblere Zusammenarbeit räumlich näher zu rücken", so Lau. Eine Erweiterung stand ohnehin an. Da ergab sich vor ca. drei Jahren schließlich die erhoffte Gelegenheit, ein Gelände in direkter Nachbarschaft der Firma Friesen zu erwerben. Nach aufwändigen Bohrungen im Erdreich, bedingt durch das nahe Zwangsarbeiterlager, Bau- und Umbaumaßnahmen und schließlich der Prüfung und Anerkennung als Werkstatt für behinderte Menschen war es Ende November 2009 soweit. Das Werkstattgebäude mit 60 Arbeitsplätzen, ein Gebäudeteil für factor C, ein Arbeits- und Betreuungsangebot für etwa 40 psychisch erkrankte Menschen sowie eine Kantine konnten eingeweiht werden. "Letztere hat sich schon jetzt als Wohnzimmer im Gewerbegebiet Nord etabliert",freut sich Lau.

Unterdessen wird in der Werkstatt eine neue Ladung defekter Anlasser zerlegt. Jeder Arbeitsschritt hat seinen Arbeitsplatz, vier bis fünf Positionen sind auf einer Bahn zusammengefasst. Vier Bahnen bearbeiten so in der Halle jeweils eine bestimmte Charge. "Auf Platz eins in der Bahn zu arbeiten, das wollen die meisten", erzählt Marcel Teichmann (31), seit 2007 Gruppenleiter in der Werkstatt und für die Koordinierung der Einzelaufträge und pädagogische und fachliche Anleitung der Mitarbeiter zuständig. Der erste Platz in der Bahn gibt das Arbeitstempo vor, legt fest, was zerlegt wird und ist für die Kontrolle, Sauberkeit und die Ordnung des Werkzeugs zuständig. "Da herrscht ein richtiger Ehrgeiz, auch mal auf Platz eins zu kommen, aber auch zwischen den Bahnen, wer am Ende mehr Bauteile zerlegt hat", erklärt Teichmann.
Um 7.50 Uhr geht es morgens los. Gut die Hälfte nutzt selbständig den normalen Linienbus, im Sommer das Fahrrad, um zur Arbeit zu kommen. Die andere Hälfte bringt ein Fahrdienst. Ein Morgenkreis gibt wichtige Informationen für den Tag weiter. Wer ist krank. Welche Aufträge stehen an oder welche Probleme gab es. Mit vier kurzen Pausen geht es bis 15.30 Uhr. Eine 36-Stunden-Woche. Hinzu kommt die individuelle Betreuung und Förderung jedes Mitarbeiters. "Mit jedem Einzelnen wird ein Förderplan ausgearbeitet", so Teichmann. Über eine Selbsteinschätzung und Einschätzung durch den Gruppenleiter sowie monatliche Dokumentation werden individuelle Ziele festgelegt. "Das kann z.B. die Pünktlichkeit betreffen, oder die Sorgfalt bei der Arbeit bis hin zur Vereinbarung, auf ein gepflegtes Äußeres zu achten." Über fünf Stufen könnten sich die Mitarbeiter so auch einen Gehaltszuschuss verdienen. "Doch meist braucht es diese Motivation gar nicht. Eher muss ich darauf achten, dass die Pausen eingehalten werden". Häufig würden die Beschäftigten schon früher aus der Pause erscheinen oder erst gar nicht gehen wollen. "Da hilft manchmal nur, den Drucklufthahn zuzudrehen", sagt Teichmann, stolz auf seine Leute.

Es ist diese hohe Motivation, Begeisterung und Sorgfalt bei der Arbeit, die auf Seiten des Kooperationspartners, der Firma Friesen, so geschätzt wird. "Mit welcher Verantwortung und mit welchem Elan diese Menschen ihre Arbeit tun, das ist etwas, was mich persönlich beeindruckt, und was auch für unsere eigenen Mitarbeiter eine Bereicherung ist", sagt so auch Fahri Özcan, Werksleiter des Oranienburger Friesen-Standorts. "Natürlich gab es vor Beginn der Zusammenarbeit Vorbehalte unter unseren Mitarbeitern", erinnert sich Özcan. "Die können doch nix, wurde da auf den Betriebsversammlungen geäußert." Verständigungsprobleme wurden befürchtet und zahllose Fehler bei der Arbeit. "Aber nichts von dem trat ein. Ganz im Gegenteil, das Betriebsklima und Verhältnis zu den neuen Kollegen hat sich sehr positiv entwickelt", sagt Özcan. Hand in Hand würden so beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren.

Mit diesen positiven Erfahrungen soll die Zusammenarbeit denn auch weiter wachsen. "Unser Altteillager kommt schon jetzt ohne die Caritas nicht mehr aus", sagt Özcan. Ganze Teilbereiche sollen an die Caritas-Werkstatt vergeben und so weitere Werkstatt-Mitarbeiter vor Ort integriert werden. Angedacht sind das Neulager, aber auch Hilfe beim Versand und der Verpackung. Einer, der aus der Caritas-Werkstatt kommend in einen der neuen Bereich bei Friesen vorstoßen wird, ist Adolph Kay (22). "Früher habe ich auch im Altteillager gearbeitet. Seit Januar bin ich in der Produktion beschäftigt, bei der Vorzusammenstellung der einzelnen Bauteile", berichtet er stolz. "Das ist jedes Mal eine Herausforderung." Aber man gewinne Erfahrung, und das mache Spaß. "Und das Schönste dabei ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen von Friesen." Auch Frank Schmidt wird demnächst eine neue Aufgabe übernehmen. "Man lernt immer dazu", sagt er, und freut sich auf das Neuteilelager, in dem er bald arbeiten wird. Längst hat er in seinem bisherigen Bereich Kollegen aus der Caritas-Werkstatt angelernt, die seine alte Position übernehmen. Es ist diese schrittweise und behutsame Integration, die auch den größten Erfolg möglich machen könnte, den Wechsel in den ,normalen Arbeitsmarkt. "Und das erscheint für Einzelne gar nicht so unrealistisch", freut sich Lau.

Autor : Olaf Nils Dube