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Entlassen ins Leben: Caritas-Beratungsstelle in Wriezen hilft bei der Reintegration
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Entlassen ins Leben

Caritas-Beratungsstelle in Wriezen hilft bei der Reintegration

Wriezen - seit gut acht Jahren geben die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Caritas-Beratungsstelle in Wriezen ehemals Straffälligen vor und nach der Entlassung Unterstützung bei deren Reintegration. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine eigene Übergangswohnung. So kann die Fülle von Problemen Schritt für Schritt und mit Hilfestellung angegangen werden.

"Irgendwie ist es immer das Gleiche", erzählt ernüchternd Stephan Krug, Caritas- Mitarbeiter in der Straffälligenhilfe in Wriezen. Die persönlichen Biografien klingen fast klischeehaft. "Meist sind wirkliche Familien nicht existent, oder sie geben ihren Kindern keinen Halt, sondern Bürden mit auf den Weg. Die Eltern kennen es selbst nicht anders." Schulprobleme, Schwierigkeiten mit Freunden, in Beziehungen. Keine Lehrstelle, Arbeitslosigkeit. Viel zu früh seien Alkohol oder andere Drogen im Spiel, listet Krug die sich wiederholenden Bausteine auf, die den Boden für so viel Hoffnungslosigkeit, Unsicherheit, Wut und Angst legen. "Irgendwann kommen Delikte wie Körperverletzung, Diebstahl und Einbruch hinzu, meist unter Alkohol, und die ersten Haftstrafen sind abzusitzen."

Entlassen ins Leben
Entlassen ins Leben
Foto: Olaf Nils Dube

Das meiste davon liegt auch hinter André Baumann (34 Jahre, Name geändert), gelernter Bürokaufmann. Die zurückliegenden Krisen haben das Gesicht altern lassen. Über Jahre war er alkoholabhängig, lange obdachlos. Haftstrafen wegen Diebstahl und Körperverletzung. Warum? Keine leichte Antwort. "Das war der falsche Umgang", sagt die jetzige Freundin. Oder fing es schon beim Vater an, der selbst trank? Im November 2007 befand sich André Baumann in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt/Oder. Die Entlassung rückte näher. Angst machte sich breit. Wo sollte er unterkommen? Von was leben? Würde alles wieder so weiter gehen? "Da besuchte mich meine Mutter. Sie war völlig aufgelöst. Mein Vater war kurze Zeit vorher gestorben. Das haute mich um", erzählt André Baumann. Schon hunderte Male hatte er sich zuvor vorgenommen, "endlich vernünftig" sein zu wollen. "Ich wollte nicht mehr trinken, einfach eine normale Arbeit haben und eine eigene Wohnung. Vielleicht Frau und Kinder." Doch jedes Mal hätten diese Vorsätze nichts bewirkt. Mit dem Trinken sei alles andere auch zurückgekehrt. "Als nun plötzlich mein Vater tot war, gestorben auch wegen seinem Trinken, war das ein Schock", so Baumann. Seine Mutter stellte den Kontakt zur Caritas-Beratungsstelle her.

150 Straffällige pro Jahr werden in den Beratungsstellen Wriezen sowie Frankfurt/ Oder betreut. In Frankfurt/Oder ist es der Erwachsenenvollzug. Wriezen betreut vor allem die 220 jugendlich Inhaftierten in der JVA vor Ort. Insgesamt zwei Stellen und eine Gruppe von derzeit rund zehn Ehrenamtlichen leistet hier die Beratungsleistung im Büro sowie in der JVA. "In der Regel vier bis fünf Monate vor Entlassung wird über Verwandte oder über die Sozialarbeiter in der JVA der Kontakt zwischen den Inhaftierten und uns hergestellt", erzählt Krug. "Bei den meisten herrscht pure Angst davor, in das normale Leben zurückzukehren - und zu scheitern", sagt er. Wenn vorher vorhanden, so hätten viele während der Haft ihre Selbständigkeit verloren. "Da geht es dann um ganz einfache, praktische Fragen: Wo kann derjenige wohnen und von was." Die Behörden vor Ort oder anderen Beratungsdienste müssten kontaktiert werden. "Außerdem versuchen wir, wenn möglich ein Ausbildungs- oder Beschäftigungsverhältnis zu vermitteln." Meist laufe die Begleitung dann weitere vier Monate nach der Entlassung.

Schon die Eintragung beim Meldeamt falle vielen sehr schwer, geschweige denn Behördengänge zum Jobcenter und das Ausfüllen von Formularen. Häufig sei auch die hohe Verschuldung der Klienten ein großes Problem und müsse mit Hilfe der Schuldnerberatung geregelt werden, erzählt Krug. "Alles Dinge, von denen die meisten Entlassenen ohne Hilfe von außen meist überfordert sind und in die alten Verhaltensmuster zurückzufallen drohen." Daran erinnert sich auch André Baumann noch gut. "Das hätte ich allein nie geschafft." Da sei er noch heute froh, manchen Schreibkram an Herrn Krug übergeben zu können. Dennoch ist er stolz, kleine Dinge auch wieder selbst regeln zu können. "So bin ich zum Beispiel letztlich einfach zur Bank gegangen. Wollte fragen, ob ich statt der Service-Karte zu meinem Konto auch eine normale EC-Karte bekommen könnte. Und das hat ganz einfach geklappt." Das seien die kleinen Fortschritte, über die er sich freue.

Möglich sind diese kleinen Erfolge heute nicht zuletzt durch den konstanten und engen Kontakt zur Beratungsstelle direkt nach der Entlassung und ganz praktische Unterstützung in den ersten Monaten. André Baumann brauchte vor allem zunächst ein Zuhause, um nicht wieder auf der Straße zu landen. Hier war die Übergangswohnung der Caritas in Wriezen eine wichtige Hilfe. Wenn auch nur für in der Regel drei Monate, können mit diesem festen Wohnsitz die notwendigen Schritte bei den Ämtern gemeinsam erledigt werden. Aus der JVA Frankfurt/Oder kommend bot sie für Baumann zudem die Möglichkeit, die Grundsteine für eine stationäre Therapie der Alkoholabhängigkeit zu legen. Vorbereitet während der wöchentlichen Beratungsgespräche in der Suchtberatungsstelle Wriezen konnte ein stationärer Alkoholentzug Anfang Mai 2008 beginnen. Zuvor wurde die Scheidung von seiner bisherigen Frau geregelt. Ein Insolvenzverfahren wurde eingeleitet, um die Schuldenproblematik in den Griff bekommen. Ein riesiger Berg von Problemen, bei deren Lösung Stephan Krug, hauptamtlicher Sozialarbeiter bei der Caritas, André Baumann zur Seite stand.

"Natürlich gab es auch Rückfälle", erzählt Krug. "Vor allem am Anfang, drei Wochen in Freiheit, ging es mit dem Trinken wieder los." Doch irgendwie habe er bisher immer wieder die Kurve gekriegt. Baumann schloss die Entwöhnungstherapie ab. Arbeitete, gefördert durch das Jobcenter, im Tiefbaubereich eines Ausbildungsbetriebes. "Das hat mir Spaß gemacht, mit den Händen etwas zu schaffen, einen Weg zu pflastern. Endlich saß ich nicht mehr allein zu Hause, hatte eine Aufgabe und kam unter Leute", erinnert er sich. Da möchte er weiter machen. "Vielleicht mit einer Umschulung und einen Facharbeiterabschluss in diesem Bereich machen. Das tat mir gut, hab´ich gemerkt."

Früher habe er große Träume gehabt, "von einem eigenen Haus und was weiss ich". Die Träume waren immer größer geworden, je mehr im wirklichen Leben schief ging. Alle Probleme wurde verschoben. "Das wird schon, hab ich mir immer vorgelogen." Baumann wohnt mittlerweile in einer eigenen Wohnung. "Das ist für mich schon ein riesen Schritt. Ich habe gelernt, dass ich mir kleine Ziele vornehmen muss. Dinge, die ich auch erreichen kann." Außerdem hat er in einem Computerkurs eine neue Frau kennengelernt, seine jetzige Freundin. Ein kleiner Bauch wölbt sich unter dem Pullover. Sie ist im achten Monat schwanger, ein Mädchen. Beide halten sich die Hände und lächeln. Demnächst wollen sie zusammenziehen und eine Familie gründen.

Die Entwicklung von André Baumann ist eine Erfolgsgeschichte. "Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen, dass es eine bleibt", so Krug. Nicht immer könne alles am Ende gut gehen. "Aber ich vertraue auf ihn. Zumindest einer mehr hat dann eine neue Chance bekommen." Das sei seine Motivation, weiter zu machen, trotz der traurigen und ausweglosen Schicksale, auf die er während der Arbeit so oft treffe.

Autor: Olaf Nils Dube